Vier-Tage-Woche in der Verwaltung: Ein Luftschloss?

Rolf Dindorf

Zauberformel Vier-Tage-Woche im öffentlichen Dienst?
Mit ihrer populären Forderung nach einer Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich trifft die IG Metall den Zeitgeist. Mehr Freizeit zur Selbstverwirklichung und damit dem Verfolgen eigener Ziele, Bedürfnisse und Wünsche. Es liegt auf der Hand dieses scheinbare Erfolgsrezept für mehr Mitarbeitermotivation und Fachkräftegewinnung auf die Verwaltung zu übertragen.

Welche Modelle gibt es für die Vier-Tage-Woche?

  1. Das Modell 100:80:100 steht für die Reduktion der wöchentlichen Arbeitszeit von 40 auf 32 Stunden. Mit anderen Worten: Bei gleichem Lohn (100 Prozent) wird noch 80 Prozent gearbeitet. Die Produktivität bleibt bei (mindestens) 100%.
  2. Im zweiten Ansatz bleibt die Anzahl der Stunden (40). Einzig die Arbeitstage verringern sich von 5 auf 4 Tage. Damit steigt die Regelarbeitszeit von 8 Stunden auf 10 Stunden bei der Vier-Tage-Woche. Auch hier gilt: Die Arbeitsproduktivität beträgt mindestens 100%.

Verwaltung: Die Hoffnungsbotschaften der Befürworter einer Vier-Tage-Woche

Als im Februar 2023 eine britische Studie mit ihren Ergebnissen zur Vier-Tage-Woche veröffentlicht wurde gab es den vorhersehbaren medialen Hype. Zu sehr passten die positiven Botschaften der Studienergebnisse in die gegenwärtige Zeit und der Arbeitsorganisation von New Work:

  1. Die Krankheitstage verringerten sich um etwa zwei Drittel
  2. Die Fluktuation reduzierte sich um mehr als die Hälfte
  3. 40% der Mitarbeitenden fühlten sich weniger gestresst
  4. Die Arbeitsmotivation stieg
  5. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbesserte sich
  6. Die Arbeitgeberattraktivität konnte gesteigert werden

Wissenswertes: Das Pilotprojekt wurde in 61 Betrieben mit 2900 Beschäftigten für ein halbes Jahr in Großbritannien durchgeführt. Die Betriebe nahmen freiwillig teil. Die Unternehmen kamen aus den Bereichen IT, Gesundheit, Bauwesen, Gastronomie und Finanzen.

Der Projektbericht der Studie zur Vier-Tage-Woche als pdf zum Download

Wenn die britische Studie so positiv ausfiel, warum führt man die Vier-Tage-Woche nicht umgehend in der Verwaltung ein? Wie zukunftsfähig kann die Arbeitszeitreduktion im öffentlichen Dienst sein? Oder anders formuliert: Sind es nur noch konservative Narren die sich dem Trend von New Work in der Verwaltung entgegenstemmen?

Was den Hype gefährlich macht: Einwände gegen die Vier-Tage-Woche in der Verwaltung

  1. Die Pilotphase umfasste nur ein halbes Jahr. Über längerfristige Konsequenzen (positiv oder negativ) liegen keine fundierten Erkenntnisse vor.
  2. Verwaltungen und größere Unternehmen nahmen daran gar nicht teil. Wie Betriebe, beispielsweise die BASF mit ihren 39.000 Mitarbeitenden am Stammwerk Ludwigshafen oder (größere) Kommunalverwaltungen wie Stuttgart (15.100 Beschäftigte) eine Vier-Tage-Woche als Regelarbeitszeit umsetzen sollten, wird in der Studie natürlich nicht beantwortet.
  3. Wie wollen wir arbeiten? Das Fragen sich Mitarbeitende in öffentlichen Krankenhäusern, kommunalen Pflegeinrichtungen, Kindergärten, Polizei usw. auch. Kann eine Vier-Tage-Woche in Zukunft in diesen öffentlichen Organisationen die Regel werden? Da die britische Studie nur sechs Monate lief kann deren Ergebnisse nur bedingt bis gar nicht so einfach mal auf den öffentlichen Dienst übertragen werden.
  4. Da die Betriebe und Mitarbeitenden freiwillig an dem Piloten teilnahmen, lag hier eine völlig andere Motivation vor als wenn durch eine Tarifvereinbarung (Stichwort IG Metall) alle Unternehmen und damit auch die Beschäftigten zur Vier-Tage-Woche gezwungen werden.
  5. Das Modell 100:80:100 impliziert, dass Mitarbeitende in der Verwaltung ihre Arbeitsproduktivität um 25% erhöhen könnten. Zahlreiche Beschäftigte im öffentlichen Dienst wie beispielsweise in den Ausländerbehörden oder kommunalen Kindertagesstätten arbeiten schon am Limit. Wo sollen da die 25% an mehr Arbeitsproduktivität herkommen?
    Die populistische Forderung nach weniger Besprechungen oder mehr Digitalisierung wird wohl kaum zu einer dauerhaften und in allen Bereichen der öffentlichen Verwaltung sowie Betrieben (Stadtwerke, Busbetriebe) um 25% erhöhten Arbeitsproduktivität führen.
    Abgesehen davon lässt sich die ketzerische Frage stellen, warum die Produktivitätsreserven von 25% nicht schon jetzt ohne Vier-Tage-Woche in den Behörden gehoben werden?
  6. Beim zweiten Modell steigt die Regelarbeitszeit von 8 Stunden auf 10 Stunden täglich. Hier reden wir von vier Tagen die Woche 10 Stunden arbeiten bei voller Produktivität. Natürlich bis zum Renteneintrittsalter von 67. Ob sich das wirklich alle Mitarbeitenden in deutschen Verwaltungen wünschen?
    Darüber hinaus müsste das Arbeitszeitgesetz reformiert werden. „Für eine Verteilung der Wochenarbeitszeit von 40 Stunden auf vier Tage – also zehn Stunden täglich – müssten die Ausnahmen des Arbeitszeitgesetzes genutzt werden. Denn: In Deutschland darf die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer acht Stunden nicht überschreiten.“, schreibt die Morgenpost.
  7. Ein Rechenbeispiel für das New Work der Vier-Tage-Woche:
    Arbeitszeitgesetz (ArbZG) § 4 Ruhepausen lautet: „Die Arbeit ist durch im voraus feststehende Ruhepausen von mindestens 30 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als sechs bis zu neun Stunden und 45 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als neun Stunden insgesamt zu unterbrechen. Die Ruhepausen nach Satz 1 können in Zeitabschnitte von jeweils mindestens 15 Minuten aufgeteilt werden. Länger als sechs Stunden hintereinander dürfen Arbeitnehmer nicht ohne Ruhepause beschäftigt werden.
    Zu den 10 Stunden Arbeitszeit kommen damit mindestens 45 Minuten Pausenzeiten. Unterstellen wir eine tägliche Pendelzeit von 30 Minuten (einfach) kommen wir auf zusätzliche 60 Minuten.
    Unser glücklicher New Worker ohne Homeoffice ist somit 11.45 Stunden durch die Arbeit gebunden. Ein Rohrkrepierer somit für die Familie und Beruf/Pflege? Ein überzeugender Bauplan für die Arbeitsmotivation und Gesundheit der kommunalen Beschäftigten? Sieht so Lebensqualität an vier Tagen in der Woche für Behördenmitarbeiter/innen aus?

Im zweiten Teil der Artikelserie zur Vier-Tage-Woche stehen weitere Argumente für und gegen die Zukunftsmusik Vier-Tage-Woche in der Verwaltung wie Beispielsweise, Fachkräftemangel oder Besinnen auf Grundtugenden zur Diskussion.

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Photo: iStock (c)


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