Die Interviewreihe „Kür oder Pflicht? Digitalisierung in der Kommunalverwaltung“ – heute mit Oberbürgermeister Tessmer

Oberbürgermeister Norbert Tessmer Coburg
Die nächsten Jahrzehnte werden durch den digitalen Wandel geprägt sein dem sich auch die Kommunen nicht entziehen können. Flexibilität und Schnelligkeit in einer immer rascher drehenden Welt werden auch von der Kommunalverwaltung verlangt (z.B. Apps, Öffnungszeiten, E-Government). Städte und Gemeinden bewegen sich hin zur Smart City. Doch was heißt das konkret für die Stadtverwaltungen vor Ort? Praktiker nehmen dazu kurz und knackig Stellung.
Heute mit Norbert Tessmer, Oberbürgermeister der Stadt Coburg.

1. Was verbirgt sich hinter der Digitalisierungsstrategie „Coburger Weg“?
Mit dem „Coburger Weg“ verfolgen wir einen weniger technologiegetriebenen sondern stattdessen akteurszentrierten Digitalisierungsansatz. Wir möchten unsere Bürgerinnen und Bürger in ihren vielfältigen Rollen – als Arbeitgeber oder Arbeitnehmer, als Vereinsmitglied oder -vorstand, als Familienmensch und/oder sozial und gesellschaftlich engagierte Person – innerhalb der Stadtgesellschaft vielfältig (mit-)einbeziehen und für Digitalisierung(-sprojekte) gewinnen. Die Stadt sieht sich hier als (Ver-)Mittler in einem größeren Netzwerk zivilgesellschaftlicher Akteure, die es für die Digitalisierung und konkrete Projekte zu begeistern gilt. Bei der Gestaltung des digitalen Wandels geht es nicht zuletzt auch um die gesellschaftliche Aneignung und Einbettung der neuen Technologien. Akzeptanz entsteht aus der gesellschaftlichen Mitte heraus. Wir versuchen bei der Entwicklung von kleinen und großen Digitalprojekten – von einzelnen Bürgerdiensten bis zur „Digitalen Agenda Coburg“ – daher immer möglichst frühzeitig Bürgerinnen und Bürger als Stakeholder/-innen miteinzubeziehen – Projekte „gemeinsam“ anzustoßen, (weiterzu-)entwickeln und voranzutreiben.

Nicht zuletzt geht es auch darum, aus der Praxis zu lernen. Das heißt: Verständnis für Vorbehalte und Widerstände aufzubringen, aber auch Hinweise und Anregungen aufzunehmen. Das ist ohne Frage für alle Beteiligten ein zeitintensiver Prozess, führt aber auch zu nachhaltigen Digitalisierungsgewinnen: Wir haben die Erfahrung gemacht, das aus Bürgern, die im Rahmen solcher Projekte unmittelbar Verantwortung übernehmen, oftmals investierte, über den jeweiligen Projektkontext hinaus engagierte Digitalisierungsbotschafter/-innen werden.

2. Ein Blick in die Zukunft: Wie schaut die Smartcity Coburg im Jahr 2030 aus?
Immer noch genauso lebenswert, aber vermutlich deutlich (digital) vernetzter. Die Digitalisierung wird sich noch tiefer in unseren Alltag integrieren, als dies bereits heute der Fall ist. Das Bewusstsein, dass uns der digitale Wandel in nahezu allen gesellschaftlichen Handlungsfeldern berühren wird, ist gerade in den letzten Jahren noch einmal erheblich gestiegen. Gerade in kleineren Städten und Kommunen wächst der Handlungsdruck. Große Investions- und Förderprogramme sollen der Digitalisierung nun in die Breite verhelfen. In Coburg sind wir auch deshalb bereits heute auf einem guten Weg, weil es in Coburg bereits seit 2001 eine (beim Oberbürgermeister angesiedelte) Stelle gibt, die sich mit strategischen Digitalisierungsfragen beschäftigt. Coburg hat – wenn man das so sagen möchte – also schon seit 2001 einen „Chief Digital Officer“, wie er heute in so mancher Stadt seine Arbeit antritt. Gerade vor dem Hintergrund des immer schneller voranschreitenden Wandels haben wir uns im vergangenen Jahr entschieden – unter wissenschaftlicher und breiter öffentlicher Beteiligung die Ausarbeitung einer agilen „Digitalen Agenda Coburg“ zu beginnen. Wir möchten dabei genau die Schwerpunkte identifizieren, die Potenziale herausarbeiten, die Coburg in den nächsten Jahren besonders voranbringen werden. Dabei geht es nicht zuletzt auch darum, bestehende Projekte mit viel Potenzial – wie z.B. unser Digitales Gründerzentrum Zukunft.Coburg.Digital oder die Bildungsregion Coburg – noch stärker miteinander zu vernetzen und in vielen Bereichen wie z.B. im Tourismus, in Mobilität & Verkehr sowie in den Bereichen Gesundheit und Pflege auch mit dem umliegenden ländlichen Raum besser zusammenzuarbeiten und gemeinsam digitale Lösungen zu entwickeln, die unsere Stadt und Region in Zukunft voranbringen werden.

Den „Plattform“-Gedanken aus dem Netz gilt es dabei auf die Stadt- und Zivilgesellschaft zu übertragen. Dabei gilt es sicherzustellen, dass Coburg sich 2030 nicht nur zu einer „Smart City“ entwickelt hat, sondern auch eine lebens- und liebenswerte Stadt geblieben ist. Es ist uns daher auch ein besonderes Anliegen, möglichst viele Bürgerinnen und Bürger auf diesen Weg mitzunehmen. In Rahmen von Coburgs Teilnahme am Modellprojekt „Digitale Einkaufsstadt Bayern“ haben wir daher z.B. besonders auf Schulungs- und Weiterqualifizierungsmaßnahmen für den lokalen, inhabergeführten Einzelhandel gesetzt.

3. Welche Veränderungen kommen durch die Digitalisierung auf den Personalbestand und die Personalentwicklung zu?
Die Vermittlung von Digitalkompetenz(en) in der (Aus-)Bildung, aber auch das „lebenslange Lernen“ sind entscheidende Gelingfaktoren, wenn es darum geht, die Digitalisierung in unserem Alltag und in den Breite zu verankern. Wir werden in Zukunft nicht nur Informatiker und Data-Analysten benötigen, wohl aber (deutlich mehr) „digitalaffine“ Gestalter – und das in nahezu allen Handlungsbereichen und auf allen Ebenen, in den lokalen Unternehmen ebenso wie in der öffentlichen Verwaltung.

Gerade mit Blick auf den demografischen Wandel und der bevorstehende Verrentung geburtenstarker Jahrgänge wird es hier in Zukunft einen verstärkten Wettbewerb um digitale Führungskräfte geben. Gerade deshalb dürfen wir uns, meiner Meinung nach, in unseren Bemühungen nicht nur auf den „Nachwuchs“ beschränken, sondern müssen proaktiv auch den nachträglichen Erwerb von Digitalkompetenz(en) forcieren. „E-Government“ und Digitalisierung müssen in der öffentlichen Verwaltung mehr denn je als Querschnittsaufgaben wahrgenommen werden und so – auf allen Ebenen – auch Eingang in die Stellenbeschreibungen finden.

4. Stichwort E-Government: Wo steht derzeit Coburg im Hinblick auf die Online-Abwicklung von Behördengängen? Was planen Sie für die nächsten Jahre?
Der vorgesteckte Fahrplan des 2017 in Kraft getretenen Onlinezugangsgesetzes, bis 2022 alle Verwaltungsleistungen (von Bund, Ländern und Kommunen) in Deutschland auch digital anzubieten, sorgt derzeit auf allen Ebenen für hektische Betriebsamkeit. Das ist gut, weil dadurch nun einiges in Bewegung gerät, gleichzeitig bleibt es gerade für die Kommunen – am Ende dieser Kette – eine große Herausforderung, die wir nur in interkommunaler Zusammenarbeit sowie in der Zusammenarbeit mit Bund und Ländern gemeinsam bewältigen und lösen werden können.

Nicht zuletzt auf ihrem persönlichen Alltag sind unsere Bürgerinnen und Bürger zunehmend intelligente und intuitive, „einfache“ und medienbruchfreie Online-Kommunikation gewöhnt. Dieser Anspruch überträgt sich auch auf die Kommunikation mit den Behörden. Dieses Angebot gilt es in den kommenden Jahren daher nicht nur auszubauen, sondern umso mehr auch deutlich zu vereinfachen sowie ggf. auch neu – unter digitalen Vorzeichen – zu überdenken. Wir haben coburg.de schon immer als umfassendes Stadtportal verstanden, und bieten unseren Besucher/-innen daher auch abseits der Verwaltungsdienstleistungen zahlreiche praktische „Bürgerdienste“. Ein Beispiel hierfür sind die „Coburger Börsen“ (Ferienbörse, Sportwegweiser, Familienkompass, Kita- und Pflegeplatzbörse, …) oder auch unser populärer „Mittagspausenführer“. Natürlich können über unsere Online-Bürgerdienste auch schon zahlreiche Behördengänge online erledigt werden. Hier setzt Coburg auf eine breite Zusammenarbeit mit verschiedenen Anbietern. Gerade in Hinblick auf die Durchgängigkeit der Online-Kommunikation sowie beim Ausbau des Angebotes sehen wir hier in den kommenden Jahren jedoch noch große Aufgaben. Ziel ist es hier, die Kommunikation mit dem Bürger auf direkten Wege zu ermöglichen und diesen gleichzeitig in möglichst wenigen Schritten direkt und medienbruchfrei ans Ziel zu führen.
Das Beispiel „Dänemark“ zeigt, welches Einsparpotenzial und welche Effektivitätssteigerungen möglich sind, wenn konsequent auf digitale Bürgerdienste umgestellt wird und diese von den Bürgerinnen und Bürgern auch angenommen werden. Wir brauchen möglichst schnell eine elektronische Identität und ein Bürgerpostfach, das in der Praxis auch ankommt.

5. Angesichts der Disruption und der raschen Veränderungsgeschwindigkeit unterliegt auch das Verwaltungshandeln der Erfordernis schnell zu handeln. Inwieweit ist aus Ihrer Sicht eine agilere Verwaltungsorganisation möglich?
Auch hier ist das Bewusstsein, welche Anforderungen die Digitalisierung auch an das Verwaltungshandeln stellt, in den letzten beiden Jahren meiner Meinung nach stark gewachsen und zwischenzeitlich vieles in Bewegung. Dass auch in der öffentlichen Verwaltung eine gewisse Experimentierfreude herrscht, über vollautomatisierte Verwaltungsakte oder beispielsweise die Nutzung von Blockchain-Technologien diskutiert wird, zeigt, dass – zumindest zum Teil – ein großer Wille zur Veränderung und auch der Wunsch besteht, mit aktuellen Entwicklungen und neuen Technologien Schritt zu halten.
Gleichzeitig kann die Verwaltung oftmals in ihrem Handeln nicht die gleiche Experimentierfreude und Fehlertoleranz an den Tag legen, wie dies ggf. in der Wirtschaft, insbesondere im Bereich der Tech-Startups, der Fall ist. Gleichzeitig gilt es aber auch das hohe Vertrauen in die Integrität der Verwaltung und ihres Handelns zu wahren und nicht leichtfertig zu verspielen. Der Weg vorwärts kann daher meiner Meinung nach immer nur ein Mittelweg sein, der mit Mut zur nötigen Veränderung gleichzeitig aber auch mit angemessenem Bedacht voranschreitet.

Vielen herzlichen Dank für die Beantwortung der Fragen
Rolf Dindorf

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